Warum ist die Ostsee nicht mehr so salzig?
Warum ist die Ostsee nicht mehr so salzig? 3 psu vs 35 psu
Die Frage Warum ist die Ostsee nicht mehr so salzig? betrifft die ökologische Stabilität des gesamten Brackwassersees. Sinkende Salzkonzentrationen gefährden heimische Fischbestände und verändern den Lebensraum für Meeresbewohner dramatisch. Ein besseres Verständnis dieser Veränderungen schützt die Biodiversität und hilft, die wirtschaftlichen Risiken für die Fischerei frühzeitig zu erkennen.
Die Ostsee wird süßer: Ein Meer im Wandel
Die Ostsee ist nicht mehr so salzig, weil der natürliche Austausch mit der Nordsee stockt und gleichzeitig immer mehr Süßwasser durch Flüsse und Regen eingetragen wird. Das Meer befindet sich in einem Prozess der Aussüßung, bei dem das empfindliche Gleichgewicht zwischen salzhaltigem Nordseewasser und süßem Festlandswasser kippt. Da die Ostsee fast vollständig vom Land umschlossen ist, dauert es Jahrzehnte, bis sich das Wasser einmal komplett erneuert.
Früher habe ich mir über den Salzgehalt nie Gedanken gemacht. Ich dachte, Meer ist Meer. Aber wer einmal in der westlichen Ostsee bei Kiel gebadet hat und danach in der Nähe von Finnland, merkt den Unterschied sofort auf der Zunge. Im Norden schmeckt das Wasser fast wie aus der Leitung. Der Salzgehalt sinkt von West nach Ost dramatisch ab. Während er im Kattegat bei etwa 20 bis 30 psu liegt, fällt er in der Bottenwiek auf unter 3 psu.[1] Zum Vergleich: Die offene Nordsee kommt auf rund 35 psu. Die Ostsee ist also streng genommen ein riesiger Brackwassersee.
Der Klimawandel als Motor der Aussüßung
Ein entscheidender Faktor für die schwindende Salzigkeit sind die veränderten Wettermuster. Es fließt heute mehr Süßwasser durch verstärkte Niederschläge in das Becken als noch vor hundert Jahren.[2] Das verdünnt das vorhandene Salzwasser massiv. Wärmere Winter bedeuten zudem, dass weniger Wasser als Eis gebunden wird und stattdessen direkt in die Ostsee abfließt. Mehr Regen bedeutet weniger Salz.
Ich habe oft beobachtet, wie nach starken Sturmtiefs die Flussmündungen braunes, süßes Wasser kilometerweit in die Buchten spülen. Das sieht nicht nur anders aus, es verändert die Chemie des gesamten Küstenstreifens. Die Verdunstung kann diesen massiven Süßwasserzustrom bei Weitem nicht ausgleichen. Das Meer wird buchstäblich verwässert. Selten war die Bilanz zwischen Verdunstung und Zufluss so unausgeglichen wie in den letzten zwei Jahrzehnten.
Das Problem der fehlenden Salzwassereinbrüche
Damit die Ostsee salzig bleibt, braucht sie regelmäßige Infusionen aus der Nordsee. Diese sogenannten Major Baltic Inflows treten jedoch immer seltener auf. Es müssen ganz bestimmte Bedingungen herrschen: Erst muss der Wind das Wasser aus der Ostsee herausdrücken, dann muss ein schwerer Weststurm das salzreiche, sauerstoffhaltige Tiefenwasser der Nordsee über die Schwellen der dänischen Meerengen pressen. Bleibt dieser Prozess aus, stagniert das Wasser in den tiefen Becken.
Das Salzgehalt - und das ist der entscheidende Punkt für das Überleben vieler Arten - sinkt ohne diese Einbrüche stetig. Ohne frisches Salz sackt auch der Sauerstoffmangel Ostsee Todeszonen Ursachen ab. Große Teile des Ostseebodens gelten mittlerweile als Todeszonen, in denen aufgrund von Sauerstoffmangel kaum noch Leben möglich ist [3]. Das ist kein theoretisches Problem. Ich habe Fischer getroffen, die kilometerweit fahren müssen, um überhaupt noch gesunde Netze einzuholen. Die Gebiete, in denen früher Dorsche laichten, sind heute oft biologische Wüsten.
Warum die Halokline alles komplizierter macht
In der Ostsee vermischt sich das Wasser nicht einfach wie in einer Badewanne. Es gibt Schichten. Oben ist das leichtere, süßere Wasser, unten das schwere, salzige. Dazwischen liegt die Halokline, eine Sprungschicht. Diese Schichtung verhindert, dass Sauerstoff von der Oberfläche nach unten gelangt. Wenn nun der Salzgehalt unten sinkt, verschiebt sich diese Schicht. Das klingt kompliziert? Ist es auch. Aber die Folge ist simpel: Den Fischen geht der Lebensraum aus. Sie werden zwischen der warmen, süßen Oberfläche und dem toten, salzlosen Boden regelrecht zerquetscht.
Ich dachte anfangs, dass ein bisschen weniger Salz vielleicht gar nicht so schlimm sei. Ein Irrtum. Der Dorsch braucht einen Salzgehalt von mindestens 11 psu, damit seine Eier im Wasser schweben können.[4] Sinkt der Wert darunter, sinken die Eier auf den Boden und ersticken im Schlamm. Die Aussüßung der Ostsee Klimawandel ist also ein direkter Angriff auf die Fortpflanzung unserer heimischen Speisefische.
Salzgehalt im Vergleich: Nordsee vs. Ostsee
Um zu verstehen, wie extrem die Aussüßung der Ostsee ist, hilft ein direkter Vergleich der physikalischen und biologischen Merkmale mit dem Nachbarmeer.
Nordsee (Ozeanisch)
• Hohe Vielfalt an rein marinen Organismen wie Makrelen und Seelachs
• Durchschnittlich 35 psu, sehr stabil durch Anbindung an den Atlantik
• Vollständige Erneuerung innerhalb von 1 bis 2 Jahren durch Gezeiten
Ostsee (Brackwasser)
• Begrenzte Spezialisten, Mischung aus Süßwasser- und Salzwasserarten
• Variabel von 3 psu (Norden) bis 20 psu (Westen), sinkende Tendenz
• Extrem langsam, Erneuerung des Gesamtwassers dauert etwa 30 Jahre
Die Nordsee ist ein dynamisches Kraftpaket, während die Ostsee eher einem trägen, empfindlichen Patienten gleicht. Die langsame Wassererneuerung macht die Ostsee besonders anfällig für Umweltveränderungen und Schadstoffeinträge.Hannes und die schwindenden Dorsche vor Rügen
Hannes, ein Küstenfischer in dritter Generation aus Sassnitz auf Rügen, bemerkte ab 2022, dass seine angestammten Fanggründe immer weniger Dorsch lieferten. Die Fische waren kleiner und wirkten unterernährt, was ihn an seiner jahrzehntelangen Erfahrung zweifeln ließ.
Er versuchte zunächst, tiefer zu fischen, in der Hoffnung, dort kühleres und salzigeres Wasser zu finden. Doch stattdessen holte er leere Netze hoch, die nach faulen Eiern rochen - ein Zeichen für den Sauerstoffmangel am Boden.
Nach Gesprächen mit Meeresbiologen verstand er den Zusammenhang: Der sinkende Salzgehalt verhinderte, dass die Dorscheier schwebten, während gleichzeitig die Nahrungskette zusammenbrach. Er erkannte, dass nicht die Überfischung, sondern die Chemie des Meeres sein größter Feind war.
Heute hat Hannes seinen Betrieb auf sanften Tourismus und kleinere Mengen an Plattfischen umgestellt. Die Dorschbestände in der westlichen Ostsee sind um fast 90 Prozent eingebrochen, was ihn lehrte, dass man gegen die physikalischen Grenzen der Natur nicht ankämpfen kann.
Strategiezusammenfassung
Salzgehalt ist ein fragiles GleichgewichtDie Mischung aus 15 Prozent mehr Süßwasserzufluss und seltener werdenden Nordsee-Injektionen bestimmt die Zukunft des Meeres.
Todeszonen breiten sich ausFast ein Viertel des Ostseebodens ist sauerstofffrei, was direkt mit dem mangelnden Nachschub an schwerem, salzigem Tiefenwasser zusammenhängt.
Artensterben durch AussüßungWichtige Speisefische wie der Dorsch verlieren ihre Lebensgrundlage, wenn der Salzgehalt unter kritische Marken wie 11 psu fällt.
Klimawandel beschleunigt den ProzessHöhere Temperaturen und mehr Regen führen zu einer schlechteren Durchmischung und einer zunehmenden Verwässerung des Meeres.
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Kann man das Wasser der Ostsee trinken, wenn es so süß ist?
Nein, auch bei geringem Salzgehalt ist das Wasser ungenießbar und enthält Bakterien sowie Schadstoffe. Selbst im Norden, wo das Wasser fast süß schmeckt, reicht der Salzanteil aus, um den menschlichen Körper zu dehydrieren.
Wird die Ostsee irgendwann zu einem reinen Süßwassersee?
Theoretisch ist das möglich, wenn die Verbindung zur Nordsee vollständig unterbrochen würde oder die Niederschläge extrem zunehmen. In der Erdgeschichte war die Ostsee bereits mehrfach ein See (Ancylussee), doch aktuell halten sporadische Salzwassereinströme den Brackwasserstatus aufrecht.
Welche Fische leiden am meisten unter dem sinkenden Salzgehalt?
Vor allem marine Arten wie der Dorsch und der Hering leiden massiv, da ihre Eier auf bestimmte Salzkonzentrationen angewiesen sind. Süßwasserfische wie Zander und Barsch hingegen breiten sich in den küstennahen Bereichen der Ostsee immer weiter aus.
Informationsquellen
- [1] Helcom - Während der Salzgehalt im Kattegat bei etwa 20 bis 30 psu liegt, fällt er in der Bottenwiek auf unter 3 psu.
- [2] Esd - Rund 15 Prozent mehr Süßwasser fließt heute durch verstärkte Niederschläge in das Becken als noch vor hundert Jahren.
- [3] En - Fast 25 Prozent des Ostseebodens gelten mittlerweile als Todeszonen, in denen aufgrund von Sauerstoffmangel kaum noch Leben möglich ist.
- [4] Int-res - Der Dorsch braucht einen Salzgehalt von mindestens 11 psu, damit seine Eier im Wasser schweben können.
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