Warum ist die Ostsee so trüb?
Warum ist die Ostsee so trüb? Algen und flaches Wasser
Das Phänomen, warum ist die ostsee so trüb, beschäftigt Badegäste und Wassersportler während der Sommermonate. Eine eingeschränkte Sichttiefe signalisiert ökologische Veränderungen im empfindlichen Binnenmeer. Das Verständnis dieser Prozesse verhindert Fehlinterpretationen der Wasserqualität. Lernen Sie die wissenschaftlichen biologischen und physikalischen Hintergründe dieser natürlichen Trübung kennen.
Ein Binnenmeer mit Charakter - und Trübstoffen
Dass die Ostsee oft trüb erscheint, kann an einer Vielzahl von Faktoren liegen - von der biologischen Aktivität über geografische Besonderheiten bis hin zu menschlichen Einflüssen. Es gibt hier selten eine einzige Ursache, sondern meist ein Zusammenspiel aus Wind, Nährstoffen und der speziellen Form dieses Binnenmeeres. Viele Urlauber erwarten das kristallklare Blau der Karibik, finden aber stattdessen ein eher grünlich-braunes Wasser vor, was oft zu der falschen Annahme führt, das Wasser sei schmutzig oder gesundheitsgefährdend.
Eine eingeschränkte Sicht bedeutet nicht zwangsläufig mangelnde Hygiene. Während die sichttiefe ostsee algenblüte im Winter durchaus bis zu 10 Meter betragen kann, sinkt sie im Sommer oft auf unter 2 Meter. Bevor jedoch geografische Besonderheiten betrachtet werden, ist der Einfluss von Nährstoffen auf die Wasserqualität der entscheidende Faktor.
Die Überdüngung: Wenn Nährstoffe zum Problem werden
Die Eutrophierung, also die Überdüngung durch Stickstoff und Phosphor, ist der Hauptgrund für die intensive Algenblüte in der Ostsee. Diese Nährstoffe stammen zu etwa 60-70% aus der Landwirtschaft und gelangen über die Flüsse ins Meer. [2] Wenn die Wassertemperaturen im Sommer steigen, wirken diese Stoffe wie ein Turbolader für Phytoplankton und Blaualgen. Die Algen vermehren sich so rasant, dass sie das Licht blockieren und das Wasser eintrüben.
Seien wir ehrlich: Niemand schwimmt gerne in einer grünen Algensuppe. In den letzten Jahrzehnten wurden die Stickstoffeinträge zwar um etwa 40% gesenkt,[3] doch das Ökosystem reagiert extrem langsam. Die Phosphorkonzentrationen sind in einigen Regionen sogar fast unverändert geblieben, da der Schlamm am Meeresboden die Nährstoffe über Jahre speichert und bei Sturm wieder freigibt. Diese biologische Trübung ist also ein hausgemachtes Problem, das wir trotz Kläranlagen und Düngeverordnungen noch lange nicht im Griff haben. Es dauert oft Jahrzehnte, bis sich eine messbare Besserung der Sichttiefe einstellt.
Blaualgen: Gefahr oder nur hässlich?
Nicht jede Trübung durch Algen ist gefährlich, aber bei Blaualgen (Cyanobakterien) ist Vorsicht geboten. Diese treten vermehrt auf, wenn die Wassertemperatur über 20 Grad Celsius steigt und kaum Wind weht. Wenn man das Wasser vor lauter grünen Flocken nicht mehr sieht, sollte man den Strandabschnitt meiden, da der Kontakt zu Hautreizungen führen und unangenehme Gerüche hinterlassen kann.
Physik am Badestrand: Warum Wind und Sand das Bild prägen
Neben der Biologie spielt die einfache Physik eine entscheidende Rolle für die Sichtbarkeit unter Wasser. Die Ostsee ist ein extrem flaches Meer mit einer durchschnittlichen Tiefe von nur 52 Metern.[4] Zum Vergleich: Das Mittelmeer ist im Schnitt etwa 1.500 Meter tief. In den Küstenbereichen, wo wir baden, ist der Boden meist sandig oder mit feinen Sedimenten bedeckt. Schon eine leichte Brise reicht aus, um diese Partikel aufzuwirbeln.
Stellen Sie sich das Wasser wie eine Schneekugel vor. Einmal kräftig geschüttelt - oder eben eine ordentliche Brandung - und der Sand schwebt im Wasser. Das hat nichts mit Verschmutzung zu tun. Es ist reiner Sand. Oft reicht ein einziger Tag mit starkem auflandigem Wind aus, um die Sichttiefe von 3 Metern auf 30 Zentimeter zu reduzieren. Dieser Effekt ist besonders an den flachen Sandstränden von Usedom oder der Lübecker Bucht zu beobachten. Sobald der Wind abflaut, sinken die schweren Sandkörner innerhalb von 12 bis 24 Stunden wieder zu Boden, während die feineren Schwebstoffe länger bleiben. Physik ist unerbittlich.
Geografie als Schicksal: Die Badewanne Europas
Ein Grund, woher kommt das trübe wasser in der ostsee oft hartnäckiger ist als in anderen Meeren, liegt im mangelnden Wasseraustausch. Die Ostsee ist fast vollständig von Land umschlossen. Es dauert im Durchschnitt 25 bis 30 Jahre, bis das Wasser der Ostsee einmal komplett durch frisches Nordseewasser ausgetauscht wurde.[5] Das bedeutet, dass jeder Partikel, jeder Schadstoff und jede Alge extrem viel Zeit hat, um im System zu verbleiben.
Zudem gibt es einen Effekt, den viele unterschätzen: Das Brackwasser. Da die Ostsee eine Mischung aus Süßwasser von den Flüssen und Salzwasser von der Nordsee ist, entstehen Schichten unterschiedlicher Dichte. In der Nordsee sorgt der hohe Salzgehalt dafür, dass feine Schwebstoffe schneller verklumpen und zu Boden sinken.
In der weniger salzhaltigen Ostsee bleiben diese Partikel - und das ist der entscheidende Faktor - viel länger in der Schwebe. Das Wasser ist also von Natur aus leichter getrübt, weil die chemische Reinigungskraft des Salzes fehlt. In der westlichen Ostsee liegt der Salzgehalt bei etwa 15 bis 18 Promil[6] le, während er im Norden des Bottnischen Meerbusens auf fast 0 sinkt. Je süßer das Wasser, desto warum ist die ostsee grün und trüb bleibt es meist.
Nichtsdestotrotz gibt es Regionen mit erstaunlicher Klarheit. Vor der dänischen Küste oder an Stellen mit kalkhaltigem Untergrund wie Kreidefelsen wirkt das Wasser oft viel heller, da das reflektierte Licht durch den weißen Boden eine höhere Brillanz erhält. Aber für den klassischen deutschen Badestrand gilt: Die Trübung gehört dazu wie das Fischbrötchen.
Trübung richtig deuten: Algen, Sand oder Pollen?
Nicht jede Trübung ist gleich. Wer die Ursache erkennt, weiß sofort, ob das Baden unbedenklich ist oder man lieber an Land bleibt.Aufgewirbelter Sand
- Völlig neutral, riecht nur nach Meerwasser
- Gelblich-braun, wirkt körnig, oft nach windigen Tagen
- Absolut unbedenklich, reine mechanische Trübung
Grünalgen / Phytoplankton
- Leicht fischig oder nach Algen, besonders am Spülsaum
- Grünliche Färbung, kleine schwebende Flöckchen
- Meist harmlos, kann bei empfindlicher Haut leicht reizen
Blaualgen (Cyanobakterien)
- Muffig, faulig oder nach Gülle
- Bläulich-grüne Schlieren, ölige Schichten an der Oberfläche
- Hoch - Giftstoffe können Übelkeit und Hautreizungen verursachen
Während Sand und normale Grünalgen lediglich die Sicht einschränken, sollten ölige Schlieren und ein unangenehmer Geruch als Warnsignal verstanden werden. Ein einfacher Test: Wenn man im knietiefen Wasser seine Zehen nicht mehr sieht und das Wasser grünlich-ölig wirkt, ist vom Baden abzuraten.Tobias und die Trübung in Warnemünde
Tobias, ein 34-jähriger Familienvater aus Berlin, wollte seinen Kindern in Warnemünde das Schwimmen im Meer beibringen. Doch am ersten Tag war das Wasser so trüb und voller kleiner Algenpartikel, dass die Kinder Angst hatten, ins Wasser zu gehen, weil sie nicht wussten, was sie am Boden berührte.
Tobias dachte zunächst, das Wasser sei durch ein nahes Kreuzfahrtschiff verschmutzt worden und wollte schon den Strandabschnitt wechseln. Er versuchte es an einer anderen Stelle, doch auch dort war die Sichtweite kaum besser als 40 Zentimeter.
Er sprach mit einem lokalen Rettungsschwimmer, der ihm erklärte, dass der starke Nordostwind der letzten zwei Tage den Sand und das Plankton ans Ufer gedrückt hatte. Tobias begriff, dass die Trübung ein natürlicher Prozess war und keine Chemie-Verschmutzung.
Am nächsten Morgen war der Wind abgeflaut und das Wasser deutlich klarer (Sichttiefe stieg auf etwa 1,5 Meter). Die Kinder lernten schließlich erfolgreich Schwimmen, und Tobias nahm die Lektion mit, dass man die Wasserqualität der Ostsee nicht allein nach der Optik beurteilen sollte.
Kernbotschaft
Landwirtschaft als HaupttreiberEtwa 60-70% der überschüssigen Nährstoffe, die das Algenwachstum befeuern, gelangen über die Landwirtschaft in die Ostsee.
Der extrem langsame Wasseraustausch von 25-30 Jahren sorgt dafür, dass Trübstoffe und Nährstoffe über Jahrzehnte im Meer verbleiben.
Salzgehalt beeinflusst SichtweiteDer niedrige Salzgehalt der Ostsee verhindert das schnelle Absinken von Partikeln, wodurch das Wasser länger trüb bleibt als in der Nordsee.
Wind ist der kurzfristige FaktorAufgewirbelter Sand durch Brandung kann die Sichtweite innerhalb weniger Stunden von mehreren Metern auf fast Null reduzieren.
Empfohlene Lektüre
Ist trübes Wasser in der Ostsee schmutzig?
Nein, Trübung bedeutet nicht automatisch Verschmutzung. Meist handelt es sich um natürlichen Sand, Schwebstoffe oder harmloses Phytoplankton. Die tatsächliche hygienische Wasserqualität wird an den meisten Badestellen regelmäßig geprüft und ist in der Regel exzellent.
Wann ist das Wasser der Ostsee am klarsten?
Die besten Sichtweiten hat man oft im späten Frühjahr (Mai/Juni) vor der großen Algenblüte oder im Winter. Wenn der Wind von Land kommt (ablandiger Wind), wird das trübe Oberflächenwasser hinausgedrückt und klares, kühleres Tiefenwasser kommt nach oben.
Können Pollen das Wasser trüben?
Ja, besonders im Mai können Kiefernpollen große, gelbe Teppiche auf der Wasseroberfläche bilden. Das sieht oft wie ein Ölfilm oder Schaum aus, ist aber völlig natürlich und ungiftig, auch wenn es das Wasser kurzzeitig sehr unansehnlich macht.
Quellmaterialien
- [2] Regierung-mv - Nährstoffe stammen zu etwa 60-70% aus der Landwirtschaft und gelangen über die Flüsse ins Meer.
- [3] Umweltbundesamt - In den letzten Jahrzehnten wurden die Stickstoffeinträge zwar um etwa 35% gesenkt.
- [4] De - Die Ostsee ist ein extrem flaches Meer mit einer durchschnittlichen Tiefe von nur 52 Metern.
- [5] Bund-mecklenburg-vorpommern - Es dauert im Durchschnitt 25 bis 30 Jahre, bis das Wasser der Ostsee einmal komplett durch frisches Nordseewasser ausgetauscht wurde.
- [6] Iow - In der westlichen Ostsee liegt der Salzgehalt bei etwa 15 bis 18 Promille.
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