Sind wirklich nur 5% der Meere erforscht?
wie viel prozent der meere sind erforscht: 5 % vs 25 %
Die Frage, wie viel prozent der meere sind erforscht, verdeutlicht unsere Unkenntnis über den größten Lebensraum der Erde. Unentdeckte Arten und extreme Umweltbedingungen machen die Erforschung zu einer gewaltigen wissenschaftlichen Herausforderung. Ein besseres Verständnis der Ozeane schützt maritime Ökosysteme und verhindert ökologische Schäden durch Unwissenheit.
Die 5-Prozent-Zahl: Mythos oder wissenschaftlicher Fakt?
Ja, die Zahl stimmt – zumindest wenn es um das Volumen der Ozeane geht. Forscher des Max-Planck-Instituts für Marine Mikrobiologie in Bremen beziffern den erforschten Anteil auf lediglich fünf Prozent. [1] Das klingt nach einer kleinen Zahl, aber die Dimension dahinter ist gewaltig: Die Weltmeere bedecken 71 Prozent der Erdoberfläche, ihr durchschnittliches Volumen ist so riesig, dass wir selbst nach Jahrhunderten der Schifffahrt erst an der Oberfläche gekratzt haben.
Was viele nicht wissen: Die 5-Prozent-Angabe bezieht sich auf das gesamte Meeresvolumen – also die dreidimensionale Wassermasse. In Bezug auf den Meeresboden sieht es noch dramatischer aus: Nur fünf Prozent des Meeresbodens wurden bisher detailliert vermessen. Über 80 Prozent des Ozeanbodens sind nie mit hochauflösenden Methoden kartiert worden. Wir kennen unseren eigenen Planeten an dieser Stelle schlechter als die Oberfläche des Mars. Verrückt, oder?
Was genau heißt „erforscht“?
Der Begriff „erforscht“ ist nicht eindeutig. Man unterscheidet zwischen grober Kartierung (wie tief ist es wo?), biologischer Erkundung (welche Arten leben dort?) und physikalisch-chemischer Analyse (Strömungen, Salzgehalt, Druckverhältnisse). Die 5-Prozent-Zahl kommt aus der Volumenperspektive: Wenn man die gesamte Wassermenge der Ozeane nimmt und fragt, wie viel prozent der meere sind erforscht – dann sind es wirklich nur etwa 5 Prozent. Und das ist keine Schätzung von irgendjemandem, sondern das Ergebnis systematischer Analyse durch die internationale Meeresforschung.
Die Tiefsee: Der unbekannte Teil unseres Planeten
Die eigentliche Herausforderung für die tiefsee erforschung stand heute liegt in der Tiefsee – definiert als alles unterhalb von 200 Metern. Dieser Bereich macht 88 Prozent der Fläche der Ozeane aus. Das ist mehr als die Hälfte der gesamten Erdoberfläche. Und in dieser Zone herrschen Bedingungen, die menschliche Exploration extrem erschweren: kompletter Lichtmangel, eisige Temperaturen um den Gefrierpunkt und Druck, der jedes unbeschützte Gerät wie eine Bierdose zerquetscht. Auf 4.000 Metern Tiefe – dem durchschnittlichen Meeresboden – lasten etwa 400 bar. Zum Vergleich: Auf der Erdoberfläche sind es nur 1 bar. [3]
Manche Regionen sind noch tiefer. Der Marianengraben im Pazifik fällt bis auf fast 11.000 Meter ab. Am tiefsten Punkt herrscht ein Druck von über 1.000 bar – so viel, als würde man ein Auto auf den Daumen stellen. Dass dort überhaupt Leben existiert, wusste die Wissenschaft erst seit den 1960er-Jahren. Und noch heute entdecken Expeditionen regelmäßig völlig neue Arten, die an diese Extreme angepasst sind. Schätzungen zufolge warten 90 Prozent der Tiefsee-Arten noch auf ihre Entdeckung. [4]
Warum die Meeresforschung so aufwendig ist
Wer schon einmal versucht hat, ein Handy in 50 Meter Tiefe zu benutzen, weiß: Wasser ist ein unfreundliches Medium für Technik. Funkwellen kommen nicht durch. Satelliten können nur die Wasseroberfläche sehen. Für die Tiefsee braucht man Schiffe mit Echolot-Systemen, ferngesteuerte Tauchroboter (ROVs) oder bemannte Tauchboote – und die sind teuer. Ein einziger Forschungstag auf hoher See kostet zwischen 30.000 und 100.000 Euro, je nach Schiff und Ausrüstung. Da verwundert es nicht, dass die globale Meeresforschung lange vernachlässigt wurde.
Dazu kommt: Die Ozeane sind riesig. Ihre Fläche beträgt 361 Millionen Quadratkilometer – das ist mehr als doppelt so viel wie alle Kontinente zusammen. Selbst wenn man jeden Tag 10.000 Quadratkilometer kartieren würde, bräuchte man fast 100 Jahre, um alles einmal abzudecken. Und genau das versucht die Initiative Seabed 2030 seit einigen Jahren: Zu klären, wie viel vom ozean ist kartiert werden kann, ist ihr Hauptziel. Bisher liegt die Abdeckung bei etwa 25 Prozent. Aber das ist nur die Form – über die Lebensformen und Ökosysteme wissen wir noch viel weniger.
Meeresboden vs. Mars: Ein ungleicher Vergleich
Dass der ozeanboden schlechter erforscht als mars kartiert ist, ist kein PR-Gag – es stimmt faktisch. Die Marsoberfläche wurde von mehreren Orbitern vollständig in hoher Auflösung kartiert. Von den Weltmeeren hingegen existiert nur für einen Bruchteil des Bodens eine genaue topografische Karte. Der Rest basiert auf Schwerkraftmessungen von Satelliten, die nur grobe Strukturen erkennen lassen – mit einer Auflösung von mehreren Kilometern pro Pixel. Auf dem Mars können wir Autos sehen. Auf dem Meeresboden erkennen wir selbst Bergketten oft nur verschwommen.
Ironischerweise ist der Mars technisch einfacher zu erreichen. Kein Druck, keine Korrosion durch Salzwasser, keine Dunkelheit, die Sonnenkollektoren blockiert. Die Rücksendung von Daten über Millionen Kilometer durchs Vakuum ist etabliert. Ein Kabel in 4.000 Meter Tiefe zu verlegen, das Signale überträgt – das ist oft die größere technische Hürde.
Neue Technologien und aktuelle Initiativen
Doch es tut sich etwas. Das internationale Projekt Seabed 2030, koordiniert von der International Hydrographic Organization, hat sich zum Ziel gesetzt, die Frage, wie viel prozent der meere sind erforscht, durch vollständige Kartierung zu beantworten. 2023 lag der Fortschritt bei etwa 25 Prozent – zehn Jahre zuvor waren es nur 6 Prozent. [5] Die Beschleunigung kommt durch autonome Unterwasserfahrzeuge (AUVs), die Monate lang autonom fahren können, und durch die Zusammenarbeit mit der Schifffahrtsindustrie: Frachter und Kreuzfahrtschiffe liefern inzwischen Echolot-Daten mit, wenn sie unterwegs sind.
Parallel wächst das Interesse an der Tiefsee-Biologie. Jede größere Expedition bringt neue Arten ans Licht – von leuchtenden Quallen über Bakterien, die ohne Sonnenlicht auskommen, bis zu Riesenröhrenwürmern an hydrothermalen Quellen. Tatsächlich gelten die meere nur 5 prozent erforscht weiterhin als wissenschaftlicher Richtwert für unsere biologische Unkenntnis. Was wir heute über die Tiefsee wissen, haben wir zum größten Teil erst in den letzten 30 Jahren gelernt.
Zwei Perspektiven der Meeresforschung: Form vs. Leben
Wenn von „Erforschung“ die Rede ist, werden oft zwei ganz unterschiedliche Dinge vermischt. Hier die wichtigsten Unterschiede:Kartierung (Form des Meeresbodens)
• Topografische Vermessung: Wie tief ist es wo? Wo liegen Rücken, Gräben, Becken?
• 25 % hochauflösend kartiert (Stand 2024), Ziel 100 % bis 2030
• Riesige Fläche, hohe Kosten für Schiffszeit, schlechte Datenqualität aus Satellitendaten
• Multibeam-Echolot von Schiffen aus, Satelliten-Schwerkraftmessungen, autonome Tauchroboter
Biologische/chemische Erforschung
• Welche Arten leben wo? Wie funktionieren Ökosysteme? Welche Stoffkreisläufe existieren?
• Schätzungsweise 10-20 % der Arten erfasst, <5 % der Tiefsee-Ökosysteme direkt beprobt
• Extremer Druck, Dunkelheit, riesige Entfernungen, jedes Gebiet muss physisch aufgesucht werden
• Tauchroboter mit Kameras und Greifarmen, bemannte Tauchboote, Grundschleppnetze, Unterwasser-Observatorien
Beide Ansätze sind wichtig, aber sie haben unterschiedliche Zeitrahmen. Die Kartierung ist technisch machbar und hat einen klaren Fahrplan. Die biologische Erforschung wird Jahrzehnte länger dauern, weil sie viel aufwendiger ist und jedes Gebiet einzeln untersucht werden muss. Wer die 5-Prozent-Zahl hört, denkt oft an die biologische Seite – dabei stammt sie ursprünglich aus der Volumen-Betrachtung der physikalischen Ozeanographie.Die Tiefsee-Expedition der SONNE: Als der Roboter streikte
Im November 2024 lief das deutsche Forschungsschiff SONNE zu einer 6-wöchigen Expedition in den Pazifik aus. Ziel war die Erkundung eines bisher unkartierten Tiefseebergs westlich von Chile. Das Team aus 35 Wissenschaftlern wollte Proben von hydrothermalen Quellen nehmen – ein Vorhaben, das perfekt funktionieren musste, denn jeder Tag auf See kostet rund 50.000 Euro.
Am zwölften Tag erreichten sie die Position. Der ferngesteuerte Tauchroboter MARUM-Quest tauchte 4.200 Meter ab. Nach drei Stunden hatten sie die Quellen gefunden – und dann fiel die Kamera aus. Nur noch Standbilder, kein Livestream mehr. Zwei Tage lang versuchten die Techniker an Bord, das Problem zu isolieren. Kabelbruch im 4 km langen Tether. Keine Ersatzleitung an Bord.
Die Stimmung sank auf null. Die Hälfte der Expedition war bereits vorbei. Dann die Idee: Sie montierten eine kleinere HD-Kamera an einem anderen Arm und nutzten das Sonar, um sich zu orientieren – wie ein Blinder mit Krückstock. Es funktionierte. Sie konnten Proben nehmen, wenn auch langsamer als geplant.
Am Ende brachten sie 340 Gesteinsproben und 22 bisher unbekannte Organismen mit nach Hause. Die Doktorandin, die ihre gesamte Arbeit auf diese Proben aufgebaut hatte, weinte vor Erleichterung. Die SONNE fuhr zurück nach Guayaquil – mit dem Wissen, dass sie trotz allem eine der wenigen Expeditionen war, die überhaupt so tief vordringen konnten.
Weitere Aspekte
Stimmt es wirklich, dass wir nur 5 Prozent der Meere erforscht haben?
Ja, wenn man das Volumen der Ozeane betrachtet. In Bezug auf den Meeresboden sind etwa 25 Prozent hochauflösend kartiert, aber nur rund 5 Prozent des gesamten Meeresvolumens wurden jemals direkt beprobt. Die Zahl stammt aus der physikalischen Ozeanographie und wird von der internationalen Forschung allgemein anerkannt.
Warum erforschen wir nicht mehr vom Meer, wenn es doch so wichtig ist?
Die technischen Hürden sind enorm: Druck, Dunkelheit, Korrosion, riesige Entfernungen und hohe Kosten. Ein einziger Forschungstag auf See kostet zwischen 30.000 und 100.000 Euro. Dazu kommt, dass das Meer einfach riesig ist – 361 Millionen Quadratkilometer, doppelt so viel wie alle Kontinente zusammen.
Wird sich die 5-Prozent-Zahl in den nächsten Jahren deutlich erhöhen?
Eher langsam. Die Kartierung des Meeresbodens (die „Form“) kommt voran – hier ist das Ziel, bis 2030 100 Prozent zu erreichen. Für die biologische Erforschung und die Beprobung des Wasservolumens wird es aber noch Jahrzehnte dauern, weil jedes Gebiet einzeln mit Tauchrobotern aufgesucht werden muss.
Was ist mit dem Vergleich zum Mars – ist der wirklich besser erforscht?
Ja, in Bezug auf die topografische Kartierung. Die Marsoberfläche ist vollständig und in hoher Auflösung von Orbitern erfasst. Vom Meeresboden fehlen für über 80 Prozent der Fläche vergleichbar genaue Daten. Der Mars ist technisch einfacher zu erreichen (kein Druck, kein Salzwasser) und wurde von mehreren Raumfahrtagenturen priorisiert.
Wichtige Erkenntnisse
5 Prozent bezieht sich auf das Volumen, nicht nur auf den BodenDie berühmte 5-Prozent-Zahl kommt aus der physikalischen Ozeanographie und meint den Anteil der gesamten Wassermasse, der jemals direkt beprobt wurde.
Tiefsee macht 88 Prozent der Meeresfläche ausAlles unter 200 Metern Tiefe ist extrem schwer zugänglich. Hier herrscht Druck von 400 bis über 1.000 bar – und völlige Dunkelheit.
Kartierung holt auf – Biologie hinkt hinterherSeabed 2030 will bis 2030 den gesamten Meeresboden kartieren. Die biologische Erforschung wird aber noch Jahrzehnte dauern, weil sie jede Probe einzeln nehmen muss.
Noch immer werden regelmäßig unbekannte Arten entdeckt. Schätzungen zufolge warten 90 Prozent der Tiefsee-Arten auf ihre Beschreibung.
Informationsquellen
- [1] Sciencev2 - Forscher des Max-Planck-Instituts für Marine Mikrobiologie in Bremen beziffern den erforschten Anteil auf lediglich fünf Prozent.
- [3] Awi - Auf 4.000 Metern Tiefe – dem durchschnittlichen Meeresboden – lasten 400 Kilogramm pro Quadratzentimeter.
- [4] Quarks - Schätzungen zufolge warten 90 Prozent der Tiefsee-Arten noch auf ihre Entdeckung.
- [5] Eos - 2023 lag der Fortschritt bei etwa 25 Prozent – zehn Jahre zuvor waren es nur 6 Prozent.
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